Die Alchimie der Kunst
„Längst schon glaubte man sie verschwunden, die Alchimie, jene Kunst, die sich als Wissenschaft gebärdete“ schrieb Max Retschlag im Jahre 1934 am Beginn der Nazi-Herrschaft in seinem Buch „Die Alchimie und ihr großes Meisterwerk: Der Stein der Weisen“. Wir wissen mittlerweile, dass das „Dritte Reich“ sehr stark von wirren magischen und alchimistischen Gedanken beeinflusst war. Auch C.G. Jung verwies auf die Kraft der Alchimie auf die menschliche Seele. Sie ist also noch da, die Alchimie.
Wir drehten die Sache einfach um. Als wir mit dem Kunstprojekt „Die Feuerblume“ starteten hatten wir ein Kurzballet von Kurt Schmid, eine vage Idee für einen Bilderzyklus von Peter Kotauczek und die lyrische Begabung der Elisabeth Kotauczek. So wagten wir unser ganz persönliches alchimistisches Experiment. Wir wollten aus den vorgefundenen Rohstoffen in unserem künstlerischen Laboratorium den „Stein der Weisen“ amalgamieren. Unser Opus Magnum, wie die Alchimisten sagen würden. Wir hegten irgendwie „die Vorstellung versteckter Gewölbe, wo im aufzuckenden Feuerschein seltsamer Öfen dunkle Gestalten mit absonderlichem Gerät hantieren, wo Adepten im Schein des kümmerlichen Öllämpchens, über schweren Folianten brütend, die mystisch verschleierten Anweisungen suchen für ihr heimliches Tun, für die Lösung des Welträtsels, für die Ergründung des großen Geheimnisses vom Leben.“ (Zitat aus Retschlags Buch).
Als erstes hat Alchimistin Elisabeth sich an den Destillierkolben begeben und die ursprüngliche russische Märchengeschichte „eingedampft“ und eine Serie von Impuls-Sätzen herausdestilliert, die den philosophischen Inhalt vom Werden, Aufblühen, In-Gefahr-geraten, Leiden und schlussendlichen Triumphieren der Feuerblume auf die Titel der neuen Komposition des Alchimisten Kurt verdichtet. Verdichtet im wahrsten Sinne des Wortes: Dichten als Verdichtung von Gedanken. In den alten Schriften der Adepten wird bei der Beschreibung des großen Werkes öfter auf die verborgene Bedeutung der Zahlen und Buchstaben Bezug genommen. Zur gleichen Zeit machte sich Alchimist Peter in einer anderen dunklen Ecke des Labors an seinen geheimnisvollen Apparaten zu schaffen, um künstliches Leben zu kreieren. Leben, das nur in seiner elektronischen Retorte existieren kann, aber immer neue optische Sinneseindrücke hervorbringt. Aus der reinen Urmaterie, dem Punkt, setzt Peter als Alchimist Strukturen aus Farben zusammen, die immer grössere Flächen bedecken, bis sie schließlich das ganze Geschehen um die Feuerblume überwuchern. Ein Kampf um die Augen des Zuschauers.
Inzwischen hat der dritte Alchimist in diesem Bunde, Note für Note, eine neue und doch alte Musik komponiert, die alle anderen Amalgame und chymischen Substanzen der Feuerblume zusammenschweißt. Zu guter Letzt hat sich zu diesen drei Laboranten noch eine bunte Truppe von Tänzern, Trommlern, Gauklern und anderen Meistern der Bühnenillusionen hinzugesellt, die mit ihrer Vitalität und Lebensfreude die Feuerblume aus den oben beschriebenen „dunklen Gewölben“ der Gehirne der drei Alchimisten in das grelle Licht der Scheinwerfer im Wiener Museumsquartier brachten.
Die tiefe Symbolik des Platzes für die Welturaufführung des „synästhetischen Experimentes“ war nicht zu übertreffen. Auf diesem Platz im Herzen Wiens treffen die Traditionen des untergegangenen Kaiserreiches und die Ära als Messepalast, zur Präsentation der Wirtschaftsleistungen der zweiten Republik, mit dem neuen Anspruch zusammen, ein Kunsttreffpunkt der Welt von morgen zu sein.
Eine Ironie der Geschichte schließt den Kreis zum dunklen Kapitel der Alchimie. Ein paar Monate nach der glanzvollen und umjubelten Erstaufführung der Feuerblume und der Premierenfeier im Cafe Leopold geriet das Leopold-Museum in den Strudel der Raubkunstdebatte, wo es um geraubte Gemälde aus der Nazizeit geht, jener Ära, wo die Staatsphilosophie stark von der dunklen Alchimie geprägt war.
Die Feuerblume hat über die Mächte der Finsternis triumphiert! Nicht die Alchimie siegt über die Kunst, die Kunst führt die Alchimie vom Dunkel zum Licht.
Das wollten wir zeigen.
© Peter Kotauczek
Text der Einladung zur gleichnamigen Veranstaltung im Schloss Potzneusiedl am 4.5.2008 ab 11 Uhr
Noch mehr über diese Veranstaltung und über die Welturaufführung der Feuerblume vom 30.8. bis 1.9.2007 in der Halle G des Museumsquartiers in Wien – zu finden auf den Seiten des Komponisten Kurt Schmid
Januar 22, 2009 um 10:06
[...] Kotauczeks Text der Einladung gibt es im Blog der Feuerblume detaillierter und lesbarer nach zu [...]